Glaubt man den vollmundigen Wahlkampfparolen, dann hat Deutschland die weltweite Finanzkrise entweder längst überwunden, oder aber das Schlimmste kommt erst noch – und zwar dann, wenn der Bürger die falsche Regierung wählt. Auch ein Blick in die mehr oder weniger seriöse Presse hilft nicht weiter. Die Prognosen wechseln sich beständig ab, und fast könnte man meinen, das hinge von der jeweils aktuellen Stimmungslage der verantwortlichen Redaktion ab. Derartige Flatterhaftigkeit in der Informationspolitik lässt aber vor allem einen Verdacht aufkommen: Die Lage ist noch viel schlimmer als vermutet, und dafür gibt es ganz handfeste Zahlen.
Während sich die Wahlkampfplatitüden in kernigen bis nichtssagenden Sentenzen darum bemühen, dem Bürger mit möglichst verlockend klingenden Versprechungen die eigene politische Coleur schmackhaft zu machen, gehen die bedeutenden Probleme, denen sich dieses Land gegenübersieht, geflissentlich im Sommerloch unter. Dabei gehört es zum guten (also schlechten) Ton der Maschinerie, den Gegner so gut es geht als Versager darzustellen, und sich selber schon einmal vorab den Lorbeerkranz für zukünftige Heldentaten zuzusprechen. Will man diesem strategischen Gerede Glauben schenken, so muss man davon ausgehen, dass das Scheitern immer ein Privileg der anderen ist. Wer Fehler gemacht hat, ist nicht würdig, dieses Land zu regieren und hat keine zweite Chance verdient. So der Tenor.
Mit der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise erleben wir turbulente Zeiten. Die Lebensumstände haben sich in der Krise enorm verändert. Immer häufiger ist es vorbei mit der Gradlinigkeit in der Karriere oder im Leben. Existenzielle Nöte und Zukunftsängste werden zu einer Lebensrealität von immer mehr Menschen. Scheitern ist zwar inzwischen ein alltägliches Phänomen, allerdings noch immer nicht als Normalität akzeptiert. Die Angst davor lähmt unsere Kraft, wenn wir sie nicht umwandeln und bewusst und mutig zu neuen Ufern aufbrechen.
Dabei ist es gerade der entspannte Umgang mit Rückschlägen, der neue Handlungsspielräume erschließt, weil durch den Wegfall der Angst vor einer Niederlage Freiräume entstehen, die für neue Ideen und Projekte genutzt werden können. Zum Selbstverständnis der Moderne gehört der Glaube an die permanente Höher- und Weiterentwicklung. Die „moderne Pflicht zum Erfolg“ hat es der amerikanische Soziologe Robert Merton einmal genannt, wobei Erfolg in erster Linie ein normativer und leistungsorientierter Begriff ist.
Oder: Warum die Krise eine halbgöttliche Instanz ist.
„Immer besser, immer schneller, immer billiger!“ lautet das Erfolgsmantra unserer modernen Leistungsgesellschaft, die neben dem schnellen Gewinn den Konsum und das Shareholder-Value-Prinzip zum allgemein gültigen Lebensentwurf erhoben hat. Im Wettlauf um neue Marktanteile sieht der globale Kapitalismus den Menschen vor allem als Leistungserbringer, dessen Unzulänglichkeit er durch den Einsatz immer effizienterer Technologien und rationellerer Steuerungsmechanismen möglichst gering zu halten versucht.
Vor dem Hintergrund einer weltumspannenden Wirtschafts- und Finanzkrise hat das kapitalistische Mehrwertprinzip und sein Glaube an eine permanente Leistungssteigerung und -erfüllung tiefe Risse bekommen.
Ratiopharm vor der Zerschlagung. Rosenthal pleite. Genauso Pfaff, Märklin, Schiesser und nun auch die Automobilbaufirma Karmann. Ebenso ungewiss ist die Zukunft von Opel. Es scheint, als gerieten die Grundfeste der Ökonomie mit dem Schiffbruch unserer deutschen Traditionsfirmen ins Wanken. Wir erleben in der Tat eine weltumspannende Krise, deren Wirklichkeit die Prognosen übertrifft. 35.000 Firmen könnten nach Schätzung von Creditreform in diesem Jahr in die Pleite segeln. Dennoch reicht die Kapitalmarktsituation als alleinige Erklärung für den Niedergang der Markenfirmen nicht aus, weil er auch auf das Konto von unternehmerischen Fehlentscheidungen und Missmanagement geht.
Scheitert die Erfolgsgesellschaft an ihrem Erfolgsprinzip?
Ein Jugendlicher macht an seiner Schule den Abschluss. Und ein Jahr später kehrt er als blut-rünstiger Killer zurück. Schock. Bestürzung. Der Amoklauf im schwäbischen Winnenden macht betroffen – und ratlos. Welche Lehren können wir als Gesellschaft aus einem solchen Schreckenserlebnis ziehen? Welche Fragen wirft diese Bluttat auf?
Wenn die Gründe auch zu vielschichtig sind, als dass es eine schnelle Erklärung geben kann und darf, hat der Amoklauf von Winnenden mit Sicherheit auch einen gesamtgesellschaftlichen Hintergrund: Wir leben heute in einer Gesellschaft, die sich Wohlstandsvermehrung und Technikfortschritt als Maximalziel auf ihre Fahnen geschrieben hat. Mit ihrer Effizienzlogik sieht die moderne Leistungsgesellschaft den Menschen vor allem als Leistungserbringer. Und mit den sich allgemein verschärfenden Lebensbedingungen sind die Anforderungen an das Individuum enorm gestiegen: mehr Leistung, mehr Effizienz, mehr Druck.
»Jeder ist seines Glückes Schmied!« lautet die Philosophie unserer modernen Leistungsgesellschaft. Damit ist zwangsläufig verbunden, dass eben auch jeder seines Unglückes Schmied ist, was in den Ohren der heute von Job- und Existenzängsten geplagten Bundesbürger wie blanker Hohn klingen mag. Denn vor dem Hintergrund der globalen Finanzkrise wird der Arbeitsmarkt zusehends unberechenbarer.
Es gibt eben keine immerwährende Garantie, wonach bestimmte Produkte für alle Zeit in Deutschland produziert werden und der Arbeitsplatz infolgedessen sicher ist – eine Einsicht, die uns ebenso viel abverlangt wie die Erfahrung, dass Zäsuren in den Erwerbsbiografien zu einer Lebensrealität von immer mehr Menschen werden. Und weil sich die wirtschaftliche Entwicklung aufgrund der globalen Unwägbarkeiten kaum noch prognostizieren lässt, wird ein vorausschauendes Planen in allen Lebensbereichen zu einem Vabanque-Spiel.
Oder: Die hohe Kunst des Scheiterns als umgekehrte Erfolgsvariante im globalen Zeitalter?
Als es beim Postmann Klaus Zumwinkel an jenem besagten Morgen klingelte, war es nicht die Einladung zur Bambiverleihung, die ihm da überbracht werden sollte. Ebenso wenig sollte ihm das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen werden. Mitnichten. Es war die Steuerfandung, die beim Manager des Jahres 2003 klopfte und Einlass begehrte. Und als der Träger des Bundesverdienstkreuzes unter den Augen zahlreich versammelter Journalisten als mutmaßlicher Steuersünder medienwirksam vor? und dann auch abgeführt wurde, war klar: Es war etwas passiert, was so niemals hätte passieren dürfen: Einer der mächtigsten deutschen Manager bloßgestellt und öffentlich demontiert. Kurz: Der Mann von der Post war gescheitert – anscheinend an seiner Gier und eine lebenslange Reputation in den Keller gesaust.
»Ja, so was kommt von so was« wird so manches Zuschauerherz, das sich mühselig und beladen durch den Alttag boxt, beim Anblick solcher Medienbilder gedacht haben, um dann vielleicht voller Schadenfreude auf den Gestrauchelten herabzublicken. Bekanntlich ist Schadenfreude ja die schönste Freude. Von Verlierern können wir abrücken. Wir können sie anprangern und uns dadurch selbst zum Gewinner machen. Die Genugtuung des Zusehers, andere beim Scheitern zu erleben, befreit von den eigenen Schwächen.
Oder: Steigender Eselpreis in Anatolien als Folge boomender Wirtschaft in China.
Ein fürwahr turbulentes Jahr liegt hinter uns. Und so mag an der Schwelle zum neuen Jahr 2009 bei manchem auch der Eindruck entstanden sein, dass nichts mehr ist, wie es einmal war und die Welt eine andere geworden ist: Erster Afroamerikaner ins höchste US-Amt gewählt. Zwei-Parteien-System in Bayern. Deutsches Pferd beim Doping im olympischen Peking erwischt. Schuhe als antiamerikanisches Wurfgeschoss. Kurz: Wir erleben in der Tat Zeiten, die unsere Welt kräftig durcheinanderwirbeln. Hinzu kommt, dass sich die Welt im Zeitalter der Globalisierung zu einem Dorf entwickelt hat und wir als Folge der offenen Grenzen immer mehr zusammenhängen, weswegen die Pleite der amerikanischen Großbank Lehman Brothers die internationalen Börsen auf Talfahrt und die Weltwirtschaft in die Rezession bringen konnte.
Dazu werden auch unsere gewohnten Denkmuster immer wieder über den Haufen geworfen: Da steigt in Anatolien der Eselpreis, weil sich der anatolische Bauer kein Auto mehr leisten kann und auf Esel umsteigt. Und das alles, weil die boomende Wirtschaft der Chinesen die Energiepreise weltweit in die Höhe treibt. Da jagt ein spekulativer Finanzkapitalismus in schwindelerregendem Tempo um den Globus, um die einen per Mausklick zu Gewinnern und die anderen zu Verlierern zu machen.
Deutschland ratlos. Ein Hinterbänkler mit futuristischer Brille als Hoffnungsträger für Hessen.
Nicht als smarter Senkrechtstarter kam er daher. Noch machte er als »Germany’s next Supertalent« von sich reden. Wohl aber durch seine vieldiskutierte und als Kassengestell abgestempelte Sehhilfe. Es ist weniger die politische Botschaft von einem politischen Zukunftsentwurf für das Land Hessen, die den Medienrummel um den neuen hessischen SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümpel – bis vor kurzem noch Hinterbänkler im Wiesbadener Landtag – entfachte als vielmehr dessen augenscheinlich seltsam anmutenden Brillengestelle.
Die Art und Weise, wie Gestalt, Sehhilfe und Name des Kandidaten von den Medien über Wochen zum Thema gemacht wurden, war an Gehässigkeit kaum zu überbieten. Da wurde ihm ein fliehendes Kind bescheinigt. Da wurden das proportionale Verhältnis von Brille und Physiognomie mit einer beispielloser Intensität diskutiert und sein Doppelname mit immer despektierlicheren Wortschöpfungen in der Öffentlichkeit zum Gespött gemacht.