Ist Scheitern heute in?
Andrea Ypsilanti tut es. Peter Hartz tut es. Und selbst der Dalai Lama tut es: scheitern. Auf einer Pressekonferenz in Tokio erklärte das geistliche und weltliche Oberhaupt der Exil-Tibeter den Kampf um eine größere Autonomie Tibets unlängst für gescheitert. Dafür, dass der 73-jährige Friedensnobelpreisträger den Mut hatte, sein Scheitern öffentlich einzugestehen, verdient er Respekt.
Wenn Scheitern im globalen Zeitalter auch immer mehr zu einem gesellschaftlichen Phänomen wird, ist es dennoch stigmatisiert und der Umgang damit unentspannt. Und das kommt nicht von ungefähr: Auf den Erfolg und dessen Accessoires fixiert, hat unsere Gesellschaft für die Bewältigung von sozialen Abstiegen, beruflichem Versagen und persönlichen Niederlagen kaum die richtigen Deutungs- und Verhaltensweisen.
Niederlagen und Abstiege sind kulturell eigentlich nicht vorgesehen. Wir sind daran gewöhnt, ein Scheitern nur negativ zu betrachten, was es zu vermeiden gilt. Doch nicht das Scheitern macht uns fertig, sondern wie wir darüber denken. Dabei sind Fehler und Irrtümer eine Lebensrealität, und als solche gehören sie zu unserem menschlichen Dasein. In der Regel führt der Weg zur Ausschöpfung der eigenen Möglichkeiten über Irrtümer, Umwege, Fehler und mitunter auch über das Scheitern. Es gibt zahlreiche Gründe zu scheitern, und es hat ebenso viele Facetten und Möglichkeiten.
Aus diesem Blickwinkel ist es weit mehr als die Kehrseite des Erfolges oder Ausdruck einer mangelnden Perfektion. Die Angst vor dem Scheitern ist Teil unserer Wirtschaftskultur, und so ist es nicht verwunderlich, dass der Tatbestand des Scheiterns so gar nicht zu der Erfolgsorientierung unserer modernen Leistungsgesellschaft passen will. Doch vielleicht sollten wir uns gerade deswegen eingehender damit beschäftigen. Denn es besteht die Gefahr, dass eine erbarmungslose Leistungsgesellschaft, die allein den ökonomischen Erfolg, den Konsum und das Shareholder Value-Prinzips zum einzig gültigen Lebensentwurfs erhoben hat, der Thematik des Scheiterns so lange auszuweichen versucht, bis vielleicht niemand mehr weiß, wie er damit umgehen soll.
Deshalb besteht der erste Schritt der Erfolgsgesellschaft, die jede Konzeption des Scheiterns verwirft, in einem neuen kulturellen Umgang mit dem Scheitern, und zwar weg vom Stigma und hin zur Ressource für Erfahrung und Erkenntnis und darauf aufbauend als Signal zum Aufbruch. Denn mit der zunehmenden Brüchigkeit hergebrachter Lebensmuster steigen die Anforderungen an die individuelle Fähigkeit, das Glück auch jenseits gesellschaftlich determinierter Erfolgskonzepte zu finden.
In einer Gesellschaft, die ihr gesamtes Streben auf ökonomischer Logik, auf stete Steigerung und Vermehrung ausgerichtet hat und Scheiternsverminderung als integralen Bestandteil eines erfolgsorientierten Handels aufgefasst, kann Scheitern nur als Absage an das Diktat des Optimismus und der Durchhalteparolen empfunden werden, wie sie zur Blütezeit der New Economy en vogue waren.
Doch bei näherer Betrachtung ist Scheitern weit mehr als nur Absage an die unbedingte Erfolgsbejahung und Selbsterhebung einer zielorientierten und hyperaktiven Leistungsgesellschaft. Es geht also darum, dem Thema „Scheitern“ den Raum zu geben, der ihm als ganz natürlichen Bestandteil des Lebens gebührt. Denn letztlich ist das Leben an sich ein Prozess des Scheiterns, der mit dem Tode endet.
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© Ute Bienkowski. Alle Rechte vorbehalten.
Zenit – Institut für Kreativität und Erfolgsmethodik
Weitere Beiträge zum Thema: Sorbas – eJournal für den Neubeginn.
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